Tagebuch einer geschlechtsangleichenden Operation

November 14th, 2010

Nichts ist unmöglich,
denen, die das Unmögliche wagen
(Diana)

Hallo, ich bin Diana, eine (bald nicht mehr) transsexelle Frau aus der Schweiz. Seit über einem Jahr führe ich ein Blog-Tagebuch, in dem ich aus meinem Leben erzähle. Dieses GaOp-Blog hier ist ein kleines Tagebuch, das ausschliesslich den Prozess der geschlechtsangleichenden Operation beschreibt und dient vorallem dazu, dass Freunde und Verwandte während der GaOp auf dem Laufenden sein können. Wenn Du mehr über mich erfahren möchtest, schau einfach im “richtigen” Tagebuch rein.

Dieses Blog beginnt direkt vor Eintritt in die Klinik und wird dauern bis ich wieder zur Arbeit gehe. Ab dann schreibe ich wieder in meinem normalen Tagebuch weiter. In den ersten Tagen werde ich kaum in der Lage sein, selber hier zu schreiben. Damit Interessierte aber auf dem Laufenden gehalten werden, wird meine Herzallerliebste, Juliet, hier in den ersten Tagen Kurzbeiträge schreiben in denen sie mitteilt, wie es mir geht.

Besuche
Über Besuche freue ich mich natürlich sehr, möchte aber vorerst darum bitten, sich vorher anzumelden, weil ich noch nicht abschätzen kann, ab wann ich besuchsbereit bin. Das wird voraussichtlich erst Ende der Woche der Fall sein. Es wird jedenfalls hier erwähnt, wenn ich genug fit bin für Besuche. Man findet mich im Universitätsspital Zürich in der Wiederherstellungschirurgie an der Rämistrasse 100, die Zimmernummer werde ich nach Einzug hier ergänzen dort bin ich in Zimmer C47 im dritten Stock einquartiert.

Dieses Blog
Im Gegensatz zu meinem Blog-Tagebuch, das chronologisch aufgebaut ist, also die ältesten Beiträge zuerst kommen, wird dieses Blog umgekehrt sortiert sein, wie es für Blogs üblich ist. Zuoberst steht also immer der neuste Beitrag. Wenn der Prozess vorbei ist, werde ich das Blog dann wie mein Anderes auf eine chronologische Folge umstellen, aber fürs Erste scheint es mir sinnvoller, das Aktuellste immer zuoberst zu haben.

Vollenden wir das Unmögliche
Am 14. November werde ich ins Zürcher Universitätsspital in die Abteilung für Wiederherstellungschirurgie eintreten und von da an hier berichten. Am 16. November wird dann die GaOp ausgeführt. Nun denn, die Zeit ist reif, möge das letzte Kapitel eines langen Kampfes beginnen.

Irgendwann wird es geschen,
das Wunder, hier auf dieser Erde.
Und eine Stimme sagt:
Es werde ein neuer Tag!

(Illuminate – Ein neuer Tag)

Spitaleintritt – mein neues Zuhause

November 14th, 2010

Was für ein wundervoller Tag, die Sonne scheint, das Herzchen lacht, wenn es so beginnt, kann es nur gut rauskommen.

Nach einer turbulenten Nacht erwachte ich heute um Acht, drehte mich noch ne halbe Stunde hin und her und blubberte dann bis Neun Choco-Cappucinos. Die Gemütslage war wie gestern überraschend ruhig, ich tat einfach was getan werden muss. Also frisch machen, anhübschen, Compi und so Zeugs packen u.s.w.

Damit ich nach der Op in eine gesäuberte und testosteronfreie Wohnung kommen kann, habe ich das Bettzeug gewechselt und die Wohnung mit Beifuss geräuchert. Echt wahr :-) Das Räuchern ist ein altes Reinigungsritual unserer kelto-germanischen Ahnen, ich hab das seit Jahre nicht mehr getan, heute schien es mir angebracht.

Mit Vollgepäck marschierte ich dann los und erfreute mich an einem für diese Jahreszeiten unglaublichen Wetter. Die Sonne strahlte als würde sie sich mit mir freuen und so stöckelte ich dann wie ein Muli beladen zum Bahnhof.

Bereits am Bahnhof bemerkte ich das Erste, das ich vergessen hab. Plötzlich dachte ich, Mist, hab keine Ersatzklingen für den Rasierer eingepackt. Moment, was für ein Rasierer? Himmel, den hab ich auch vergessen und den Rasierschaum ebenfalls. Was für ein Anfang, es gibt nur wenig, das mir so wichtig ist und ausgerechnet das lass ich doofes Weib liegen *seufz*. Was kommt wohl als Nächstes?

Ankunft im Spital – mein neues Zuhause
Nach einer kurzen und ruhigen Reise kam ich dann im Unispital an und beim Eintritt in meine heiligen Hallen durchströmte mich zum ersten Mal wieder diese Andacht. Ich bin echt da, issja Wahnsinn, ich bin echt angekommen.

Ohne grossen bürokratischen Schabernack wurde mir die Zimmernummer in die Handgedrückt und nach gefühlten 30 Kilometer Fussmarsch landete ich dann in Zimmer C47 im dritten Stock der Rekonstruktionschirurgie – und einmal mehr amüsierte mich dieses Wortspiel, weil ich ja nicht rekonstruiert werde sondern eine Erstinstandstellung gemacht wird.

Liebes Personal und Angriffe mit Stichwaffen
Kaum im Zimmer, kam eine super liebe Krankenschwester und erklärte kurz wie es weiter geht. Ich räumte kurz meinen Kram ein, stellte Schatzis Plüschbärchen und ihr Foto aufs Nachttischen und schon wurde ich mit Futter beliefert. Na sowas nenn ich Service. Dass ich Hühner so mag, scheinen die schon gewusst zu haben, aber anstelle von anständig knusprigen Flügeln bekam ich Schenkel. Wer braucht denn sowas? Nun weiss ich endlich, wo all die Schenkel landen von den Hühnern, denen ich die Flügel wegknabbere, die werden hier abgeliefert. Das Essen war soweit, naja, machte satt, war soweit auch ok.

Dann wurde ich gleich mal mit Stichwaffen bedroht und weiss nun auch, weshalb eine GaOp als Operation mit hohem Blutverlust gilt. Die Gute hat mir mindestens 13 Liter Blut abgezapft. Aber das tat sie so souverän, dass es nicht mal unangenehm war. Dann plauderten wir sicher eine halbe Stunde lang und ich erzählte mein halbes Leben – tu ich ja gern, ich olles Plauderweib.

Später kam dann noch eine Ärztin, die mich befummelte äh medizinisch abtastete und abhörte und klopfte und was weiss ich – jedenfalls bin ich scheinbar kerngesund, ein richtiges Prachtsweib ;-)

Internetanschluss und Zeitvertreib
Dann kam das Wichtigste, Internet anschliessen. Nach einer ersten Panne, die eine kurze Panik auslöste, klappte es dann doch und nun kann ich nicht nur bloggen sondern vorallem auch mit Schatzi über Skype plappern, ohne das wär der Spitalaufenthalt echt ein Albtraum geworden.

Als Nächstes ging ich wieder runter in den Park, sass etwas an der Sonne rum und las in einem spannenden Buch. Tja und jetzt sitz ich da und tipp vor mich hin, wir wären also somit in der Gegenwart anbelangt.

Bald wirds eklig
Die Zukunft sieht erst mal übel aus, im wahrsten Sinn des Wortes. Zwecks Darmentleerung muss ich heute einen und morgen zwei Liter übelstes Zeuchs trinken, die Schwester warte mich sogar vor, es sei wirklich unerträglich. Darüber werde ich dann heute Abend berichten, sofern ich vom Klo wegkomme.

Auf jeden Fall fühle ich mich sauwohl hier, das Personal ist total lieb und einfühlsam, ich selber bin noch immer recht ruhig aber doch voller Vorfreude.

PS: wenn man auf das Foto klickt, kommt dasselbe in doppelter Grösse

Darmentleerung, Rauchflashs und Engelsgesang

November 15th, 2010

Bevor ich mit dem heutigen Tag beginne, erst noch der gestrige Abend. Übrigens, meine Op soll voraussichtlich morgen um halb Acht stattfinden.

Dermentleerungen sind spassig
Gestern gings los mit der Darmentleerung. Darüber hörte ich ja die übelsten Geschichten und auch die Schwestern wirkten mitleidend, als sie mir das Gebräu gaben. Gestern einen Liter davon und heute zwei Liter, ich dachte ich würde sterben, wenn es wirklich so eklig ist. Man mag mich für irre halten, aber ich mag das Zeuchs total, in meinem Gaumen schmeckt das wie Sirup, süss und erfrischend, echt wahr. So schüttete ich das express runter und war mega froh, dass ich keine Ekelübungen veranstalten muss. Schon bald gings los und mein Bauch blubberte und gluckste vor sich hin, ich fands mega spassig, als hätt ich ein Rudel junge Aliens im Bauch. Dann plötzlich der Klodrang und schon wurde es noch lustiger. Es klingt als würd man ein Bad einlassen, sowas beklopptes. Ich mag neue Erfahrungen im Leben, das ist definitiv eine davon. Weniger lustig ist es, wenn man draussen am qualmen ist und plötzlich Klodrang kriegt und dann erst mal drei Stöcke hoch muss.

Rauchen nur für Fortgeschrittene
Apropos rauchen, die wissen echt, wie sie einem das Rauchen vermiesen. Man darf nur noch draussen, ergo muss ich erst durch tausend Kilometer Spitalgänge, dann drei Stöcke runter, dann wieder durch Labyrinthe in denen sicher schon viele verloren gingen und dann raus. Der fieseste Trick ist, dass die um 20 Uhr die Türen schliessen, die sind echt gut drauf. Aber überraschenderweise machte mir das gar nix aus, das muss mit meiner Gemütsverfassung zu tun haben. Kurz vor Acht ging ich das letzte Mal runter, brabbelte dann mit Schatzi über Skype und etwa um Zehn legte ich mich schlafen, ohne dass mir etwas fehlte dabei.

Engelsgesang beim Aufwachen
Heute morgen erwachte ich erst um Neun, die liessen mich einfach ausschlafen, so cool. Draussen schepperte es ständig, weil sie die Frühstücke der Anderen einsammelten. Aha, alle kriegen Futter nur ich nicht *schmoll*. Zuerst lag ich eine Weile da, guckte verzückt um mich. Ich lieg im Spital, unglaublich, der letzte Tag vor der Op hat begonnen. Ich fühlte mich wie von Engeln geschaukelt.

Drogenflash am frühen Morgen
Nach einer Weile, in der ich vergeblich auf einen Cappucino wartete, stand ich auf und ging erst mal eine rauchen. Wenn ich schon nix krieg, dann wenigstens das. Boah ey, Drogen zum Frühstück! Ich bin mich ja gewohnt, auf nüchternen Magen erst mal eine Zigi zu rauchen, aber zuhause lieg ich dazu und mixe das mit einem Kaffee. Heute musste ich mich aber erst ein wenig antüdeln, durch Gänge laufen, Treppen steigen und dann im Stehen rauchen. Hihi, da kriegt man echt ein kleines Flash, fühlte sich guuuut an. Naja der Rückweg war dann etwas eigenwillig, so zugedröhnt. Aber eben, ich mag neue Erfahrungen im Leben.

Eine verfehlte Überraschung
Als ich zurück aufs Zimmer kam, brach ich in Begeisterung aus. Auf meinem Tischen lag eine Schachtel voll mit gaaanz vielen Pralinen. Wie geil ist das denn, ich darf nix essen ausser Schokolade? Boah hab ich mich gefreut. Ich ging einen Schritt weiter und zu meiner Verblüffung lag n’Kerl in meinem Bett und eine Schwester tüdelte an ihm rum. O-ooooohhhh, ich glaub ich bin hier falsch. Naja, ich ging dann ein Zimmer weiter und da war keine Schokolade *seufz*

Zucker nein, Zucker ja, logo?
Dann kam mein Frühstück. Mannitol, dieser Darmentleerungs-Sirup. Ich bettelte dann um einen Kaffee und kriegte tatsächlich einen – ohne Milch, soweit egal, ohne Zucker, sowas geht gar nicht. Ich war fasziniert von dieser medizinischen Logik, ich krieg zwar Sirup ins Mannitol gemixt, aber Zucker im Kaffee geht nicht. Jo iss klaaaaaar, die haben wohl auch eine geraucht vor dem Frühstück. Aber Hauptsache ich konnte mal kurz den Geruch von Kaffee einverleiben, das tat gut. Unterdessen hab ich den ersten Liter Mannitol intus, sollte dringend aufs Klo, kann aber nicht weil hier grad geputzt wird. Falls ich gleich explodiere, ist die Gute selber schuld, ich muss das ja dann nicht putzen ;-)

Infogespräche als Nächstes
Irgendwann heute hab ich dann zwei Infogespräche, eines mit meinem Metzger Chirurgen und eines mit meinem Drogendealer Anästhesisten. Bin gespannt wie der darauf reagiert, wenn ich ihm erkläre, dass ich unbedingt mal Opium ausprobieren möchte ;-) Und dem Chirurgen muss ich dann unbedingt nochmal eindringlich erklären, dass er keine Geschlechtsumwandlung machen muss sondern eine geschlechtsangleichende Operation. Nicht, dass der Gute das zu wörtlich nimmt und mir mittels Hirnlobotomie alle weiblichen Hirnregionen herausbort. Man weiss ja nie ;-)

So, nun ist die Putzfrau endlich fertig, ich geh auf’s Klo…….tschüüüühüüüüssssss

Ich bin, die ich sein werde

November 15th, 2010

Im Vorfeld zur Op habe ich ja schon erzählt, dass ich mich in dieser Lebensphase bewusst vom weltlichem Ärger fernhalten möchte und deshalb auch nur Bücher eingepackt hab, die mir gut tun. Mit dabei ist Paulo Coelho und Epiktet und im letzten Moment schaffte es auch Martin Buber noch mit ins Gepäck – zum Glück. Denn es macht mir mehr denn je bewusst, was für ein spiritueller Moment das vor mir Liegende ist, das viel mehr als eine operative Angleichung ist, nämlich ein massgeblicher Schritt zu wahrer Menschwerdung.

Im Buch “Der Weg des Menschen” sind ein paar kleine Vorträge von Martin Buber, in denen er über chassidische Traditionen resp. Denkweisen spricht. Chassidismus ist sozusagen die mystische Strömung der jüdischen Religion und da ich selber einen Hang zur Mystik habe, finde ich auch in diesen Sichtweisen ein Zuhause.

Die “heiligen Schriften” des Judentums sind ein wahrer Schatz, wenn man sie zu Lesen vermag. Auch das Alte Testament der christlichen Bibel ist ja eine urjüdische Schrift. Die Kunst, diese Texte zu lesen, liegt darin, dass sie nie nur einfach eine Geschichte erzählen, das sind keine Zeitungen, sie sind immer bildhaft zu verstehen und sie sprechen einem immer an, halten einem einen Spiegel vor Augen.

Buber beschreibt im ersten Kapitel die Geschichte vom Sündenfall, als Adam sich versteckte und Gott rief: “Adam, wo bist Du?”. Für viele wirkt das sehr spassig, wenn Gott doch angeblich allwissend sein soll, warum weiss er dann nicht, wo Adam ist. Die jüdische Sichtweise auf diese Textstelle ist jedoch eine völlig andere. Gott stellt diese Frage nicht, weil er ihn sucht sondern weil Adam sich dies fragen soll: Wo bin ich, was tue ich da eigentlich. Die chassidische Sichtweise geht noch etwas weiter, diese Frage ist nicht nur an Adam gerichtet sondern an jeden Menschen. Und nun wirds spannend.

Der Sinn des Lebens – so scheint es mir – ist die Entfaltung des eigenen Seins. Die Heiligkeit des Lebens ist nur dann gewährt, wenn man seiner inneren Spur folgt, wenn man das was in einem steckt entfaltet. Berufung nennen es die Einen, Selbstentfaltung die Anderen. Wenn nun diese Frage ausgesprochen wird, wo bist Du, wo in Deinem Leben, an welcher Stelle Deines Lebensweg befindest Du Dich, dürften wohl viele ratlos mit den Achseln zucken.

So ging es mir ein Leben lang, ich hätte die Frage nicht beantworten können, selbst ein “wer bist Du” hätte mich nur achselzuckend zurückgelassen. Wir wissen zwar, wer oder wo wir sein sollen, was von uns erwartet wird, was wir gerne wären. Aber wer wir sind und wo uns unser Weg hinführen soll, wo unser Innerstes sein Ziel hat, das wagen wir meist nicht mal zu fragen.

Das erinnert mich an diese Stelle im Alten Testament, an der Gott nach seinem Namen gefragt wird und er antwortet: “Ich bin, der ich sein werde”. Er sagt nicht, wie in den meisten Übersetzungen: “Ich bin, der ich bin”, was irgendwie klingt wie das Trötzeln eines kleinen Kindes. Nein, Gott ist, was Gott sein wird, weil alles Leben, auch das Göttliche, ein steter Wandel ist, ein Gehen auf dem eigenen Weg.

Heute weiss ich, wer ich bin und ich weiss, wer ich sein werde, ich weiss wo in meinem Leben ich stehe und wohin ich mich bewege.

Würde Gott mich heute anrufen: “Wer bist Du”, würde ich antworten: “Ich bin, die ich sein werde”.

Würde Gott mich heute anrufen: “Wo bist Du”, würde ich antworten: “Im hier und jetzt, der Spur meiner Seele folgend, meiner Entfaltung entgegenstrebend – hin zu Dir”.

Und das berührt mich zutiefst, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben diese Fragen verstehe und sie wenigstens ansatzweise beantworten kann und weil ausgerechnet dieser für Viele völlig unverständliche Weg einer “Geschlechtsangleichung” Ausdruck davon ist, dass ich diese Stimme erhört habe und es wagte, sie zu beantworten und ihr zu folgen.

Viel zu viel Zeit habe ich vertan mit der Frage nach dem Warum, anstatt mich der Frage nach dem Wohin zu stellen. Viel zu lange fragte ich, wer ich sein müsste, bis ich es wagte zu fragen, wer ich bin. Und viel zu lange suchte ich den Weg von mir weg, bis ich endlich dem Ruf meiner Seele folgte. In wenigen Stunden erreicht mein Weg einen Höhepunkt – nicht das Ziel – sondern die Überschreitung der Grenze, an der wahre Menschwerdung beginnen kann – der Beginn eines Leben, das Jesus wohl mit dem Wort “Wahrhaftigkeit” beschrieben hätte.

Ich bin, die ich sein werde – nicht mehr und nicht weniger.

Der letzte Tag vor der Erlösung

November 15th, 2010

Irgendwie versteh ich das nicht so richtig, ich müsste euphorisch und ängstlich sein, aber da ist nur diese Ruhe. Klar drückt zwischendurch mal ein ängstlicher Gedanke an das was vor mir liegt durch und klar kommt auch immer wieder Freude auf und auch sonst bin ich sehr vergnügt. Aber all das passt rational nicht in das was vor mir steht, nicht im Geringsten. Und doch fühlt es sich richtig an. Es scheint, als ob der ganze Druck weg wäre, ich bin jetzt da, muss nichts mehr tun, einfach noch abwarten und mich morgen in den Op schieben lassen.

Darmentleerung macht nur begrenzt Spass
Obwohl ich dieses Mannitol oder wie das heisst nachwievor mag, vorallem mit Sirup angereichert, aber langsam geht mir dieser süsse Geschmack auf den Kecks, ich hätt jetzt lieber eine richtig deftige Buillon und ein Guinness dazu oder sowas. Oder wenigstens einen Choco-Cappu. Nach 3 Litern heute sind meine Exportdaten noch immer zu unrein, die Farbe hat sich zwar von Buillon auf Kamillentee verändert, aber ich glaub, die warten darauf, dass bei mir Vodka hinten raus kommt. Aber echt, nach gefühlten dreitausend Mal aufs Klo gehen kann man sich nicht mal mehr über das lustige Geräusch beim Klogang freuen. Wirklich mühsam ist jedoch, dass ich Durst hab wie ein Kamel nach ner Wüstendurchquerung, scheinbar geht die Flüssigkeit schneller durch den Körper als dass der es aufnehmen kann, issja bescheuert.

Fetischisten und sonstwie Bekloppte
Apropos, man erlebt hier echt schräge Dinge. Mein heutiger Pfleger sagte, ich soll nach 1.5 Litern piepen wenn ich aufs Klo ginge, er wolle sich da ansehen. *urks*. Ich bin mich ja so einiges gewohnt von meinen Blogstatistiken, Jungs haben ja die seltsamen Fetische, aber sowas ist doch irgendwie erstaunlich. Naja es stellte sich dann raus, dass er mir doch nicht dabei zusehen wollte sondern nur ins Klo gucken wollte nachdem ich fertig war, aber auch das hat irgendwie was Skuriles – Jungs halt ;-) Noch lustiger war ein älterer Kerl, der an mir vorbei lief als ich am Lift stand. Ich hatte den nach-unten-Knopf gedrückt und der Depp lief vor mir durch, drückte ohne Anzuhalten den nach-oben-Knopf und lief weiter als sei nichts gewesen. Wie schräg ist das denn?

Diana auf Erkundungstour
Ob ich doch langsam am verblöden bin. Heute auf dem Rückweg von der Raucherecke ging ich in mein Zimmer und wunderte mich noch, dass das rote Licht brennt. Hab doch gar nicht geklingelt. Schlau wie ich bin, hab ich dann die Zimmernummer kontrolliert, 47 passt. Also nix wie rein und siehe da, da lag schon wieder ein Fremder in meinem Bett und die Schwester guckte mich irritiert an. Ich guckte noch irritierter zurück und ging wieder raus. Ein erneuter verwirrter Blick auf die Zimmernummer: D47. Öhm, ich hab doch C47, wie komm ich denn in den vierten Stock? Offenbar war ich beim treppenkrakseln so in Gedanken vertieft, das ich eins zu hoch gelaufen bin. Wenn das so weiter geht, kenn ich bis in zwei Wochen alle Zimmer.

Das wärs mal fürs Erste, die medizinischen Infos und Gespräche mit dem Chirurgen und Anästhesisten samt Fahrplan für morgen folgt dann im nächsten und letzten Beitrag für heute…… bis gleich :-)

Letzer Abend, letzte Informationen, geschafft!

November 15th, 2010

Wusst ich’s doch, irgendwann muss das Rumalbern auch ein Ende haben und die Emotionen hochkochen, jetzt isses soweit. Die Ruhe habe ich zwar immer noch, aber ich könnte heulen vor lauter Glück. Unvorstellbar lange scheint mir die Zeit, die hinter mir liegt und nun noch ein paar Stunden, dann noch eine Nacht, Augen zu, Augen auf und ich habs endlich geschafft. Fassen kann ich es immer noch nicht, ich warte immer noch darauf, dass die mir sagen, sie hätten nur einen Scherz gemacht und ich soll jetzt heim gehen. Aber ich glaub, die tun’s wirklich, Wahnsinn. Der ganze Marathon mit Alltagstest, Gutachten, Abklärungen, all die Uni-Abteilungen, Kostengutsprache, Terminverschiebung und nun, eine lausige Nacht liegt noch zwischen dem Jetzt und der so ersehnten Erlösung.

Anästhesie
Das Gespräch mit dem Drogenbeauftragen war spannend und beruhigend, daran will ich Euch unbedingt teilhaben lassen. Das Risiko, dass man an der Narkose stirbt, ist um ein Vielfaches kleiner als dass ich auf dem Heimweg von einem Auto über den Haufen gefahren werde, sprich, es geht gegen Null. Der Mythos, dass man aufgrund falscher Narkose alles mitkriegt, ist nahezu unvorstellbar, weil man das allein schon aufgrund der Herztätigkeit bemerken würde. Zu meiner Überraschung meinte er, ich würde schon morgen Nachmittag genug da sein um kurze Telefonate führen zu können. Auf jeden Fall klingt alles einiges harmloser als ich es mir vorgestellt hab.

Chirurgie
Auch aus chirurgischer Sicht erst mal Beruhigung, die GaOp gilt zwar als schwere Operation, aber jede Eingriff in den Bauchraum wäre beispielsweise gefährlicher. Unangenehme News sind einzig, dass ich nicht 4 sondern 5 Tage nicht aus dem Bett raus darf. Das wird gegen Ende Woche sicher nervig, aber zum Glück hab ich ja den Notebook in Reichweite ;-) Ebenfalls unerfreulich ist, dass ich den Blasenkatheter 2 Wochen drin behalten muss, aber auch das ist halb so wild. Für mich wichtig sind die Risiken und auch da gabs Entwarnung. Eines der WorstCase Szenarien ist eine Verletzung des Darms, was bedeuten würde, dass ich monatelang einen künstlichen Darmausgang hätte. Hier liegt das Risiko bei etwa 1%, man darf da also guten Mutes sein. Das Thromboserisiko ist in einem ähnlichen Bereich, dass daraus jedoch eine Embolie wird, liegt unterhalb des Promillebereichs. Alles in Allem bin ich beruhigt, ich darf wirklich davon ausgehen, dass ich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit keine schweren Probleme bekommen werde…….. übrigens, das Foto ist kein Witz, das hat der Chirurg hingemalt, damit im Op dann klar ist, wo operiert werden soll……. irgendwie beunruhigend ;-)

Der Fahrplan für morgen
Sofern alles plangemäss läuft, sieht der Fahrplan etwa so aus:

  • 6:00 Wecken, duschen, rasieren und so
  • 6:30 krieg ich eine Schlaftablette, dann geht der Drogenrausch los
  • 7:15 werd ich in meinem Bett rausgekarrt und vor dem Op-Raum auf das Op-Bett umgelagert
  • 7:20 werd ich verkabelt
  • 7:30 wird der Cocktail aus 3 Mitteln reingelassen, ein Schlafmittel, ein Schmerzmittel und eins das lähmt, dann kommt dieses berühmte 1-2-3-und-wech und die Chirurgen legen los
  • Gegen zwölf ist die Op vorbei und ich werde noch im Op-Raum geweckt, das blöde Gesicht von mir müsste man echt fotografieren :-) dann gehts in den Aufwachraum bis ich ganz wach bin
  • ca. 14 Uhr bin ich ganz wach und werde zurück ins Zimmer gefahren, auf die Rumschieberei freu ich mich jetzt schon, muss fast so lustig sein wie die Bett-Automatik, mit der ich so gern rumspiele :-)
  • Um 14:05 schreibe ich Blogs und trink einen Irish-Coffee…… ne Quatsch, nix werd ich tun ausser blöd rumliegen, dämlich vor mich hingrinsen, glücklich sein, den Restrausch geniessen und vielleicht kurz Schatzi anrufen

Abschied von “ihm”
Nun heisst es Abschied nehmen, von meinem alten Leben und auch von “ihm”, diesem Phantom das einige von Euch kannten. Deshalb habe ich “ihm” einen Blogbeitrag gewidmet, den ich in meinem normalen Blogtagebuch veröffentlicht habe. Warum, lest Ihr am besten gleich vor Ort:
Abschied von “ihm” – Requiem für ein Phantom

Wir sind nicht allein – danke für alles!
Viele werden morgen mitfiebern und damit gebt Ihr mir mehr als Ihr denken könnt. Ich glaube, dass sich Energien bündeln und vereinen und wenn soviele Menschen in Gedanken mit mir sind, dann wird das auch viel dazu beitragen, dass alles gut kommt. Dafür möchte ich Euch von Herzen danken! Und für diejenigen, die morgen selber ganz tüdelig und hibbelig sind, auch Ihr seid nicht allein. Denn zu meiner grossen Überraschung und Freude zeigte meine Blogstatistik, dass unterdessen 123 Menschen hier in diesem GaOp-Tagebuch mitlesen. Mir laufen die Tränen runter in diesem Moment, das ist einfach zu schön, soviel Begleitung zu haben. Ich umarme Euch alle ganz doll, gemeinsam sind wir stark……… alles wird gut :-)

Das Lied “Halo” von Beyoncé ist seit zwei Jahren meine Hymne.
Mit diesem Lied begann dieser Weg, mit diesem Lied soll er enden……….

Juliet übernimmt

November 16th, 2010

Hallo da draussen ! Ich werde Euch natürlich auf dem Laufenden halten, wie Diana die OP überstanden hat. Ich warte noch auf den Anruf, vermutlich liegen die Docs gerade in den letzten Zügen. Blödsinnigerweise muss ich heute ab halb eins arbeiten und um kurz nach zwölf das Haus verlassen. Heisst, nächste Infos kann ich erst so gegen halb fünf bekannt geben, falls Diana das nicht selber tut. Der Doc meinte ja, so um 14 Uhr herum würde sie schon wieder einen klaren Kopf haben.Also, keine Angst, wenn Ihr erst heute Nachmittag Näheres erfahrt, Diana ist guter Dinge und mein Bauchgefühl sagt auch, dass alles gut gehen wird. Wir lesen uns !

Erste News

November 16th, 2010

Hallo Ihr Lieben, die Ihr alle wartet und mindestens 1000 Daumen gedrückt habt, so langsam können wir uns alle entspannen. Sie hat’s geschafft und die OP ist soweit gut verlaufen. Wir haben etwas länger als gedacht auf den Anruf warten müssen, aber Daddy hat sich dahinter geklemmt und eine Schwester erreicht, die leider keine genaue Auskunft geben konnte oder durfte. Der Arzt war schon auf dem Weg zur nächsten OP und will sich am späten Nachmittag nochmal melden. Vielleicht habe ich abends auch die Chance, wenigstens kurz mit Diana zu telefonieren. Melde mich wieder, sobald ich was Neues weiss.

Der König ist tot – lang lebe die Königin

November 16th, 2010

Jauuuuuhhhhhhhhhh, es ist vollbracht, das Wunder geschehen, ich bin Ich, unwiderruflich. Nach fünf Stunden chirurgischer Kunst und ohne Komplikationen bin ich ein paar Stunden später mit glücklichem Lächeln im Aufwachraum zu mir gekommen – im wahrsten Sinn des Wortes. Ich fühl mich total gut, etwas müde wie nach einem anstrengenden Weekend, aber topfit, ich könnte Bäume ausreissen. Mir ist nicht übel, die Schmerzen werden weggedröhnt, ich bin einfach nur glücklich.

Und – man mag es kaum glauben – aber mein erster Satz war tatsächlich: “Ist es ein Junge oder ein Mädchen”……….. und die grinsende Antwort war dann wie erhofft: “Es ist ein Mädchen” :-)

Der erste Kaffee ist getrunken, nun ist eine Buillon dran und dann gibts Frühstück oder sowas. Einen Irish-Coffee geben sie mir trotz der Denkwürdigkeit des Moments nicht, aber man kann ja nicht alles haben.

Es war echt verrückt und wie der letzte Beweis. Ich wachte auf, schaute erst mal lächelnd in die Runde und seit da fühle ich mich einfach total normal, ich kann das noch nicht beschreiben, es fühlt sich einfach total gut an.

Aber was wirklich cool ist, ich bin nicht nur Königin meinerselbest geworden sondern auch Pharaonin, die mumifizierten Beine legen Zeugnis ab ;-)

Mehr dann morgen wieder, das Tippen ist doch noch etwas anstrengend.

Update: unterdessen sind wir 182 Leute hier in diesem Blog, kein Wunder, geht’s mir so gut :-)

Erste Nachwehen

November 17th, 2010

Eben habe ich mit Diana telefoniert und sie hat mich gebeten, wieder für sie zu übernehmen. Jetzt geht es ihr einigermassen, aber die Nacht war nicht so toll. Sie hatte Nachblutungen, die nach Aussage der Ärzte aber noch im normalen Bereich waren und der Blasenkatheter hatte sich gelöst, so dass sie wieder neu eingewickelt werden muss. Sie hatte mit Blähungen zu kämpfen, die Nachwirkungen des Darmentleerungsgesöffs. Aber die Schwetser meinte, davon wäre jetzt alles aus dem Körper raus und es dürfte damit nun keine Probleme mehr geben.Von den Schmerzen her geht es wohl, am schlimmsten ist der Rücken, weil sie nur auf dem Rücken liegen und sich nicht bewegen darf, und das fünf Tage lang. Der Stent drückt auf die Blase, aber das ist einigermassen erträglich und die Harnröhre brennt, sagt sie und die Kanülen, die das Wundwasser absaugen, die pieksen unangenehm.Von der Narkose hat sie keine Nachwirkungen, ihr ist nicht schlecht und der Kreislauf ist auch ok. Emotional geht es ihr allerdings blendend, sie hat die ganze Nacht klassische Musik gehört und selig vor sich hin gelächelt.Schlafen wollte sie nicht, das war die erste Nacht im heilen Zustand und die wollte sie voll und ganz geniessen, dieser Moment ist einmalig. Allerdings wurde sie des Nacht von Baulärm an irgendwelchen Gleisen genervt, da hoffe ich, dass die nächste Nacht ruhiger wird. Alles in allem hat sie sich das sehr viel schlimmer vorgestellt und sie ist ganz fasziniert, dass sie jetzt schon jede Einzelheit spüren kann und es sich trotz der Schmerzen einfach richtig anfühlt.

Etwas Besserung

November 18th, 2010

Ich “hau” nochmal dazwischen, da Diana noch nicht so lange am PC liegen kann. Gestern abend habe ich wieder mit ihr telefoniert und es geht ihr ein bischen besser als am morgen. Sie wurde nicht mehr so dick eingepackt wie auf dem Foto, das nimmt den Druck ein wenig, sie hat Fencheltee gegen die Blähungen bekommen und für den Rücken Salbe und ein Pflaster. Eine Stelle hatte noch ein bischen geblutet,aber der Chirurg ist zufrieden. Richtig essen durfte sie gstern auch schon. Die Beine wurden nicht mehr so hoch gelagert, damit ging es ihr besser und sie hofft, dass die das jetzt so lassen. Und sie hat die ersten Blumen und eine Karte dazu bekommen, ich hatte ja erst unseren Daddy in Verdacht, nein, die kamen von Stoeps und sie hat sich riesig darüber gefreut. Daddy und Maya haben sie gestern auch besucht und ich versuch gleich mal, ob ich sie an die Strippe bekomme. Bis später !

Die erste Nacht nach der Op

November 18th, 2010

Als Erstes gleich mal vielen Dank an Juliet, dass sie hier berichtet hat, ich werde nun von meiner Seite her nochmal berichten, was seit der Op geschehen ist.

Als zweites, ein jubelndes Hallo an Euch 283 die hier mitlesen, es ist sowas von schön zu erleben, wieviele mich in diesen Tagen in Gedanken begleiten, ich hätte nie mit solchen Besucherzahlen gerechnet. Seid mal alle kollektiv geknuddelt :-)

Erste Überraschungen
Am Abend nach der Op gabs gleich zwei Überraschungen. Erstens besuchte mich meine Logopädin auf dem Heimweg kurz und zweitens bekam ich einen Blumenstrauss von Stoeps, einem befreundeten Blogger. Beides kam unwartet und grad deshalb wars so erfreulich :-)

Verzückung und klassische Musik
Am ersten Abend wurde ich gefragt, ob ich Schlafmittel wolle, aber ich lehnte ab, weil ich diese Stunden geniessen wollte und mich fühlen wollte. Ein Satz einer Freundin lag mir im Ohr: “Geniess jeden Moment, was Du erleben wirst, ist einmalig”, wie Recht sie doch hat. Ich fühlte mich wie von Engeln getragen, irgendwie unbeschreiblich, einfach glücklich und erlöst. Das hatte sicher auch noch mit dem Narkosecocktail zu tun, aber ich glaube mehr als das war es die Spiritualität die in dieser Neugeburt lag. Weil vor dem Spital ein unerträgllicher Höllenlärm war (der Teufel soll die holen), kam ich auf die Idee, mit Kopfhörer Radio zu hören. Dort fand ich dann einen klassischen Sender und dann ging die Post ab. Das zu beschreiben, ist unmöglich, die sanften Klänge trugen mich immer höher, ich lag nur da und lächelte verzückt vor mich hin. Jeder Schmerz war ein Genuss, weil ich mit jedem Schmerz wieder etwas an mir erfühlen konnte. Mit der Zeit konnte ich sowohl Schamlippen als auch Klitoris spüren, einfach durch den Druck der da war und das Verrückte war, dass ich klar wahrnehmen konnte, dass vorallem die Klitoris direkt an meinem Körper war, ohne dieses seltsame Zwischenstück. Und meine Gedanken gingen immer weiter dem Himmel entgegen, sowas hab ich noch nie erlebt. Grenzenlose Dankbarkeit, Frieden mit mir selbst, Frieden mit Gott und der Welt. Da waren soviele wunderschöne Gedanken, bis hin zu einem inneren Akt der globalen Vergebung, ich kann das echt nicht beschreiben, aber es war wohl der tiefsinnigste Moment meines Lebens.

Wenn Strapazen die Zeit stillstehen lassen
Naja, bis um ein Uhr, dann begann mein Kreuz sich lauthals zu beklagen. Man hatte mir die Beine hochgelagert und den Oberkörper ebenfalls und so lag ich denn da wie ein Opfer der heiligen Inquisition, nach fünf Stunden Bewegungslosigkeit wurde es echt ätzend. Als ob das nicht genug wäre, kamen Blähungen hinzu, wie ich es noch nie erlebt hab, es blubberte und knurrte in meinem Bauch, da gingen echte Orkanböen durch den Körper. Die Blähungen drücketen entsprechend gegen die Blase und die drückte dann an den Stent (ein Platzhalter in der Vagina), die Harnröhre brannte wegen dem Katheter und die Schläuche die das Wundwasser abziehen pieksten zwischendurch echt eklig. Der schlimmste Schmerz war und ist bis jetzt der Rücken. Ich schlafe immer auf der Seite, dieses stundenlange Rückenliegen ist echt die Hölle. Auf jeden Fall wollte die Zeit nicht mehr vorwärts gehen, erst um etwa fünf Uhr konnte ich endlich einschlafen bis sieben Uhr.

Dieses Video hat mir eine meiner Leserinnen als Kommentar geschickt, diese Mondscheinsonate zeigt wie kaum sonst ein Lied die Stimmung, die ich oben erwähnt habe.

Der erste Tag nach der Op

November 18th, 2010

Nachdem ich eine doch recht üble Nacht hinter mir hatte und grad mal zwei Stunden schlafen konnte, musste ich das Schreibzepter wieder an Juliet übergeben, es wäre zu anstregend gewesen, mich an den Compi zu klemmen. Da ich den Compi gar nicht in Betrieb nahm, konnten wir auch nicht über Skype videophonieren sondern mussten uns mit einem kurzen Telefon begnügen, in dem ich sie auf dem Laufenden hielt. Umso mehr freue ich mich, dass wir uns heute wieder sehen können.

GaOp Beweismittelaufnahme
Da ich über Nacht unter mir Blut verteilte und der olle Katheter sich abnabelte und auch noch Urin im Bett verteilte, mussten wir ausser Plan den Verband abnehmen. Und darüber war ich hoch erfreut, denn dieses Mumienoutfit ist arg eng und hat das Wohlbefinden der arg geschwollenen Operationsstelle nicht grad erhöht. Das Tolle war, dass es nicht mehr möglich war, mich so einzuwickeln und so wurde ich dann nur mit Gazen eingepappt und in ein neckisches Netzhöschen gesteckt, was viel bequemer war als diese Kleopatra-Reizwäsche vorher. Überhaupt, in Sachen hübscher Wäsche sollte ich denen echt mal einen Nachhilfekurs geben ;-) Das Allertollste war aber, dass ich beim Verbandswechsel zumindest von oben her ein wenig Richtung Op-Resultat gucken konnte und mein verzücktes Lächeln sprach offenbar Bände, die Pflegerin grinste mich an und fragte, ob es mir gefalle. Naja, gefallen ist vielleicht falsch gesagt, es war voll Blut, ist auch erst sozusagen die Rohform und sieht entsprechend ausserirdisch aus und dann war auch noch alles aufs X-fache geschwollen, ne es sieht gruselig aus, aber es sieht richtig aus, sowas von richtig, dass ich hin und weg war. Egal ob schön oder nicht, so muss es sein, jetzt bin ich wirklich ganz :-)

Überleben in Rückenlage
Der Rest des Tages verlief dann eher harzig, bis am Mittag war ich noch ziemlich im Elend, dann bekam ich nebst einer Zusatzration Schmerzmittel noch ein Pflaster ins Kreuz, das wahre Wunder wirkt. Seit da krieg ich die nun regelmässig und das macht das Liegen doch einigermassen erträglich. Seltsam ist wirklich, dass die Rückenschmerzen das Heftigste sind an allem, da hab ich echt was Anderes erwartet, ich hab mir die Schmerzen im Operationsgebiet viel schwerer vorgestellt. Insofern kann ich wirklich nicht klagen.

Papa und Maya zu Besuch
Am späteren Nachmittag kamen mein Papa mit seiner Frau zu Besuch, das war sozusagen der erste Besuch den ich bei einigermassen klarem Verstand hatte. Und Schokolade haben sie mir auch gebracht, damit ich nicht wieder in Zimmern von fremden Jungs rumlungern würde ;-) Sie richteten mir auch von vielen Leuten Grüsse aus und das Süsseste war jemand, den ich nicht mal kenne, der scheinbar vor der Op sagte, er würde an diesem Tag eine Kerze anzünden. Ich war richtig gerührt.

Eine deutlich angenehmere Nacht
Am Abend konnte ich dann wieder mit Juliet videodingseln, es tut einfach gut, sie nicht nur zu hören sondern auch zu sehen und auch für sie ist es beruhigend, wenn sie sieht, dass ich wieder lächeln kann. Anschliessend zappte ich noch kurz durchs Programm und zappte doch tatsächlich in den Vorspann meiner Lieblingsserie “Lie to me” rein, wie bestellt. Die Nacht war dann viel besser, ich konnte einige Stunden schlafen, zwar immer wieder unterbrochen, aber doch gesamthaft erholsam. Um Vier war ich dann wieder hellwach und verfluchte die Strassenbauputzwasweissichidioten da draussen. Und da ich nicht mehr einschlafen konnte und auch noch Bauchschmerzen hatte, bestellte ich mir einen grusigen Fencheltee, zappte durch die TV-Programme und man glaubts kaum, fand den Vorspann von Navy-CSI, einer weiteren Lieblingsserie von mir. Gott ist gerecht, jawoll :-) Nach der Serie war ich wieder müde genug und schlief wieder ein bis zum Frühstück.

Der zweite Tag – das Schwerste überstanden

November 18th, 2010

Nach der doch relativ guten Nacht war ich heute entsprechend wieder fit. So konnte ich wieder bloggen und Mails lesen. An dieser Stelle eine Entschuldigung, ich beantworte momentan kaum Mails und Kommentare, weil ich dem Bloggen vorerst den Vorrang gebe und mich nicht übernehmen möchte, ich werd aber alles zu gegebener Zeit nachholen.

Das erste Gespräch mit Juliet war bereits am morgen und sie las mir sogar aus einem Gruselbuch vor, aber zuerst mussten wir das Gespräch unterbrechen weil ich gefüttert wurde und als wir es am Nachmittag wieder versuchten, bekam ich Besuch von meiner Logopädin. Nun werden wir das am Abend fortsetzen.

Heute war auch Grossputz angesagt, ich wurde rundum gewaschen, der Verband wurde erneuert und ich durfte wieder mal runtergucken :-) Es ist unterdessen weniger geschwollen, es zeigt sich, dass es wirklich vorwärts geht und bisher auch nichts Negatives vorgefallen ist. Da eins der zwei Blutabsaugschläuche nix mehr zutage förderte, wurde der erste Piecksschlauch entfernt, morgen wird voraussichtlich der Zweite auch entfernt.

Ansonsten läuft alles prima, das Personal ist sehr zuvorkommend und lieb, der Lärm draussen geht nachwievor total auf den Kecks und so rette ich mich unter den Kopfhörer und hör momentan beispielsweise J.S.Bach BMV 1041-1043 in Konzertlautstärke, damit übertrumpf ich sogar die Deppen da unten mit ihrem bekloppten Laubbläser :-)

Übrigens, unterdessen sind wir hier 299 Mitlesende, der/die Nächste soll Sekt mitbringen ;-)

So und jetzt geh ich offline und schau etwas TV oder les ein wenig, es strengt halt doch immer noch alles an und ich möchte mich so gut es geht schonen……… wir lesen uns ;-)

Auch wenn der Text nicht passt, so wie in diesem Videoclip fühle ich mich grad, der Ausdruck des Gesangs trifft meine Gefühle total – einfach atemberaubend :-)

Dritte Nacht und dritter Tag

November 19th, 2010

Ein Räuschchen am Morgen, vertreibt Kummer und Sorgen :-) Aufgrund eines kleineren Irrtums habe ich heute morgen zwei Schmerzmittel-Rationen zusammen genommen und nun hab ich erstmals wirklich ein kleines Flash. Fühlt sich toll an, so ein sanftes Schweben, das in Kombination mit klassischer Musik einen herrlichen Tagesbeginn einleutete. Aber mal alles der Reihe nach………

Gestern
Der gestrige Tag verlief weiterhin super, mein Papa kam wieder zu Besuch und wir plauderten lange zusammen und auch gefüttert werde ich unterdessen wie ein normaler Mensch, alles pegelt sich immer mehr ein. Beim rumzappen durch die TV-Programme strahlte mich plötzlich Balian Buschbaum an auf ZDF, er nahm an einer Diskussionssendung teil und überzeugte wie immer mit einer unglaublichen Authentizität. Leider hab ich den Anfang verpasst und der Schluss entging mir auch weil sich hier grad ein kleiner medizinischer Ausnahmezustand Platz machte.

Der flüchtende Platzhalter
Bei einer Routinekontrolle stellten wir fest, dass der Platzhalter (Stent) der seit der Op in der Vagina sitzt und alles schön offen halten soll, irgendwie Fluchttendenzen zeigte, der guckte nämlich plötzlich etwa 2cm raus. Da der Chirurg dann schon nicht mehr da war, war niemandem wirklich klar, ob das nun schlimm ist oder nicht. Sicherheitshalber versuchte dann die Nachtschwester (oder Ärztin), das Ding wieder etwas reinzuwürgen. Boah, das war wieder eine neue Grenzerfahrung der bizarren Art. Es bewirkte einen sehr unangenehmen Druck, dass ich mich fühlte als würd ich gepfählt.

Restrukturierung der Hirn-Nerv-Kommunikation
Bei dieser Gelegenheit staunte ich wieder Bauklötze, mit welcher Flexibilität das Hirn die neue Realität wahrnimmt und sich darauf einstellt. Aus Sicht der Nervenstränge ist die Vagina ja eigentlich eine nach innen gekehrte Penishaut. Aber als der Stent tiefer reingedrückt wurde, kamen die Gefühle im Hirn in völlig neuer Weise an, es fühlte sich absolut nicht nach einem Penisreiz an sondern war klar als innen fühlbar. Das ist mir in den letzten Tagen öfters aufgefallen, dass beispielsweise die Schamlippen sich überhaupt nicht wie die Haut eines Hodensackes anfühlen sondern jedes Gefühl in diesem Bereich in meinem Hirn klar als Reiz an den Schamlippen ankommt. Dasselbe ist auch mit der Klitoris und dem Ausgang der Harnröhre. Das ist echt verrückt, fast alle Gefühle werden vom Hirn neu übersetzt und so klassifiziert, wie es sein muss.

Gepfählt schlafen kommt nicht gut
Nachdem ich trotz des unangenehmen Drucks einschlafen konnte, wachte ich um Zwei wieder auf und fühlte mich definitiv wie gepfählt. Der unangenehme Druck war zu richtigem Schmerz geworden und zusätzlich bekam ich auch noch Blähungen, was zu einer üblen Kombination wurde. Also unterbrach ich erneute Einschlafversuche und bestellte stattdessen ein zusätzliches Schmerzmittel und einen Fencheltee gegen die Blähungen und schaute etwas TV. Die Medis taten dann das Ihre und der Fenchel das Seine, schlussendlich schlief ich dann mit Kopfhörer auf dem Kopf ein und wachte erst um Sechs wieder auf und alles war wieder gut.

Ein Tagesbeginn im Schwebezustand
Als ich um Sechs wach war, kam kurz darauf eine Schwester rein und bemerkte, dass ich noch eine Tablette hatte, die ich um Zwei hätte nehmen sollen. Artig wie ich bin, hab ich die dann gleich genommen und lag vor mich hinträumend bei klassischer Musik auf dem Bett und genoss den guten Zustand und die Schmerzlosigkeit. Etwas später sah ich, dass ja die Schmerzmittel (2 x Novalgin) fällig waren und nahm die zu mir……. Höhö, die Musik wurde dann immer schöner, ich immer relaxter, mit der Zeit lag ich nur noch glücklich lächelnd im Bett und fühlte mich als würd ich schweben. Wie sich später rausstellte, war die Tablette für um Zwei, nicht einfach eine wasweissich-Pille sondern ein Ponstan. Jauh, so muss der Tag beginnen, ein Ponstan und zwei Novalgin plus die Resten des nächtlichen Tramal und man wird von Engeln getragen, es war echt schön. Wenn die mir dazu noch einen Irish Coffee gegeben hätte, wär ich wohl ganz abgehoben :-) Und als ich nach dem Frühstück einen weiteren Zeugsabsaugschlauch entfernt bekam und den Stent nochmal tieferlegen musste, war ich echt froh, dass ich genug Medis drin hatte für diesen Spass.

Hirntraining durch Realitätskontrolle
Wie oben erwähnt, registriert das Hirn zu meiner grossen Überraschung fast die gesamte veränderte Anatomie in einer Selbstverständlichkeit korrekt. Das ist nicht selbstverständlich, es gibt genug Betroffene, die beispielsweise einen sogenannten Phantom-Penis haben, also nachwievor ein aussenliegendes Geschlechtsteil empfinden. Bei mir scheint das bisher überraschend gut zu funktionieren, aber auch nicht immer und überall. Heute am frühen Morgen hatte ich ein ganz tolles Erlebnis, bei dem ich mit totalem Erstaunen erleben durfte, wie lernfähig das Hirn doch sein kann, wenn man es auf Irrtümer hinweist. Als ich so da lag, hatte ich plötzlich ein Kitzelgefühl, das sich anfühlte als sei es ausserhalb des Körpers auf der Penishaut, etwa in der Mitte des Dings das nun nicht mehr dort ist. Da ich psychische Vorgänge gut genug kenne und in Sachen Realitätskontrolle eine wahre Expertin bin, kam ich auf eine kreative Idee. Ich hob die Bettdecke, hob den Verband an und schaute dahin, wo das Kitzeln angeblich sein sollte gemäss Information der Nervenstränge. Und ich konnte sehen, dass da nix war. Was dann kam, war echt genial. Innert weniger Sekunden verschob sich die Wahrnehmung und es begann in mir drin zu kitzeln. Es war, als ob ich dem Hirn gesagt hätte, ey Doofie, schau hin, da iss nix, das ist jetzt da drin. Und schwubst und das Hirn hatte es kapiert. Als ich mich wieder zudeckte, kam das Kitzelgefühl noch ein paar mal, es war fortan immer innen fühlbar. Wahnsinn, sowas :-) Aber das bestätigt auch die mahnenden Worte von Freundinnen, dass ich mich selber neu entdecken müsste und mir sehr viel Zeit nehmen muss für mich selbst.

Stilgerechter Spitalaufenthalt
Der Schriftsteller Philipp K. Dick sagte mal: “Natürlich ist es keine angenehme Sache festzustellen, dass die Leute, die mit einem übereinstimmen, vollkommen wahnsinnig sind.”. Auf jeden Fall hat er damit Recht, dass alle komplett irre sind, die mit mir übereinstimmen, aber ich find das eigentlich angenehm, insofern muss ich ihm widersprechen :-) Vor der Op habe ich auf Facebook rumgeblödelt und gesagt, n’Mädel wie ich müsste ja eigentlich schon rote Pumps haben für ins Spitalbett und hab gejammert, dass ich gar keine roten Pumps hätte. Offenbar sind meine Freunde noch bekloppter als ich selbst, denn mein lieber Freund Sam konnte es sich nicht verkneifen und bestellte mir tatsächlich welche in den Spital. Heute kamen sie an und ich wär fast aus dem Bett gefallen vor lauter Überraschung und gegrinst hab ich als hätt ich noch eine Ladung Medis genommen. Und weil ich eben genauso verrückt bin wie er, hab ich die natürlich gleich mal über die hübschen Thrombosesocken angezogen, sieht doch unglaublich elegant aus :-) Also echt, Sam, Du bist ein Goldschatz – und Du bist sowas von bekloppt – fass beides als Kompliment auf :-)

Einladung zum Besuch
Und da ich jetzt endlich anständige Schuhe hab und es mir auch sonst prächtig geht, darf man mich nun offiziell besuchen. Wer mich besuchen möchte, geht an die Rämistrasse 100 (bei der Tramhaltstelle ETH/Universitätsspital), läuft dort in die Wiederherstellungschirurgie im Ost-Trakt (eine Umleitung dahin ist ausgeschildert), dann in den dritten Stock und dort ins Zimmer C47. Am besten zieht man Wanderschuhe an, weils ein riesen Labyrinth und langer Weg ist und sicherheitshalber würde ich auch Getränke und Proviant für drei Tage mitnehmen, man kann sich da prächtig verlaufen (gäll Paps), weil die Zimmernummerierungen völlig logikfremd sind. Das ist sozusagen das Death Valley von Zürich ;-)

Die gepfählte Jungfrau und surreale Albträume

November 20th, 2010

Heut muss ich mich kurz fassen, bin wieder ziemlich im Eimer…….

Gestern hatte ich noch zwei so tolle Besuche, erst kam mein langjähriger Psychotherapeut und brachte sogar einen Strauss wunderschöne Rosen mit und dann kam noch Luisa, eine Freundin von mir, die dasselbe schon vor Jahren durchgemacht hat und seit Jahren eine gute philosophische Gesprächspartnerin ist. So ergaben sich ein paar spannende Stunden, die mir sehr gut getan haben.

Die Nacht wär ok gewesen, ich hab erstmals ziemlich durchgeschlafen, aber das war nur bedingt gut, denn als ich um Sieben schweissüberströmt aufwachte, kam ich grad aus einer völlig idiotischen und surrealen Welt, in der all meine realen Ängste mit wirrem Zeugs verschmolzen. Ich träumte von Blutungen, sexuellen Belästigungen, Kindern die ich gar nicht hab bis hin zu Leuten die ich erschossen hab. Sowas hab ich glaub noch nie erlebt, vieles hatte eine bildhafte oder auch echte Entsprechung, vieles war auch einfach völlig wirr, aber es fühlte sich immer real an. Vorallem, dass ich blutend in der Badewanne stand, war echt heavy.

Als ich dann aufwachte, war ich zuerst völlig desorientiert, das war einfach irgendwie zuviel. Als Erstes schaute ich mir die Operationsstelle an und der Stent war tatsächlich bereits zu zweidrittel draussen. Der muss aber drin bleiben bis Montag, damit alles anwachsen kann. Und einfach wieder reinstopfen geht nicht, weil die mir so eine Pornoversion eines Stents eingebaut haben. Ich hab schon andere Stents gesehn, was ich da bekommen habe, ist echt die Killerklasse. Ursprünglich hiess es, sie hätten gar keine mehr, weil der Herrsteller keine mehr produziert, dann nach der Op hiess es, sie hätten doch noch welche gefunden. Vermutlich in der Veterinär-Abteilung, das muss einer für Pferde sein.

Puh, soeben versuchten sie den Stent wieder reinzuwürgen, meine Nerven, ich bin doch kein Pferd. Es war eine blutige und schmerzhafte Prozedur, aber nun ist er mal wieder halbwegs drin, aber aufblasen war nicht mehr möglich, ich fühl mich jetzt definitiv wie gepfählt. Vielleicht schreib ich später weiter, fürs Erste muss ich aufhören, bin erledigt. Aber in einer halben Stunde kommt eine Freundin zu Besuch, die sich damit auch auskennt, vielleicht finden wir ja noch eine bessere Lösung. Falls jemand hier in der Nähe wohnt und einen Stent in Normalgrösse hat oder einen glatten kleinen Dildo, nehm ich den gern entgegen. Wo bleibt Beate Uhse wenn man sie mal braucht *seufz*

Wirds nun doch kritisch?

November 20th, 2010

Muss mich kurz fassen, weil ich nicht so fit bin und Schatzi sicher bald anruft.

Der provisorisch reingewürgte Stent hat weiter einen Drang nach auswärts und es ist gut möglich, dass sich der Spass wiederholt. Niemand hier weiss, was wir wirklich tun sollten ausser dem Chirurgen und der ist erst Montag wieder da. Vorallem kann ich nicht abschätzen, ob das bisher Schäden verursacht hat oder ob es noch welche gibt, wenn der Stent weiter rumspaziert. Er müsste drin bleiben, bis alles innendrin angewachsen ist. Aber was geschieht, wenn es sich innen löst? Neu anmachen würde wohl nur mit einer weiteren Op gehen und eine Op innerhalb eines noch unverheilten Operationsgebiets stell ich mir nicht grad toll vor.

Vielleicht ist alles harmlos, so wie man mir hier auch weismachen will, aber die Ratlosigkeit die ich in den Gesichtern zu sehen glaube, sprechen nicht grad dafür. Auf jeden Fall habe ich erstmals wieder eine gehörige Portion Angst, dass nun doch noch etwas total in die Hosen geht und diese Angst dürfte mir wohl wieder eine prächtige Nacht bescheren. Die Albtraum-Serie letzte Nacht war echt purer Horror, soviel Realismus mit soviel Surrealismus gepaart ist schwer erträglich und wenn dann das Aufwachen gleich in einen Realhorror mündet, klinkt man wirklich irgendwie aus.

Morgen soll ein Arzt da sein, der etwas mehr wissen könnte, hoffen wir mal, dass ich dann etwas schlauer bin, denn die Ungewissheit, ob das nur ein harmloser Zwischenfall ist oder doch ein Super-GAU, ist arg nervtötend.

Wenigstens hatte ich heute eine Freundin zu Besuch, die das alles schon lange hinter sich hat, das hat etwas beruhigendes und mit ihr im Speziellen verstehe ich mich gut, auch wenn wir uns erst seit Kurzem kennen und erst einmal in meinem Pub ein paar Stunden plauderten. Sie war diejenige, die mir am meisten ins Gewissen geredet hat, dass ich mir Zeit für mich selbst nehmen muss. Da hat sie gut in diesen stürmischen Tag gepasst und etwas Ruhe reingebracht.

Hoffentlich gibt’s nicht wieder so eine Nacht. Ich glaub das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich wegen einem Traum weinen musste, weil er mich so verstört hatte. Ich glaub fast, davor fürchte ich mich noch mehr als vor dem was der Stent anstellt. Vielleicht lass ich mir heute doch mal ein Schlafmittel geben, etwas das Träume verhindert, zweimal hintereinander brauch ich sowas wirklich nicht.

UPDATE: man hat mich etwas beruhigt, es sei nicht so schlimm wie ich mir das vorstelle. Vorhin konnte ich den Stent selber wieder replatzieren, weil er nicht mehr aufgepumpt ist. Das scheint mir besser, ich spüre ja mehr wo Grenzen sind. Wenn ich da nun ein Auge drauf hab und schau, dass er immer wieder zurück aufs Plätzchen kommt, sollte das gehen. Und damit ich heute nicht wieder so Albträume hab, bekam ich Baldrian und ein Seresta – in dem Sinn, gute Nacht :-)

Fünfter Morgen – weniger Sorgen

November 21st, 2010

Hello again, dat Mädel ist wieder einigermassen fit. Der Stent ist zwar immer noch in Fluchtstimmung, aber ich hab ihn langsam im Griff, im wahrsten Sinn des Wortes. Albträume gabs glücklicherweise auch keine, alles in Allem ist das Leben wieder zu geniessen, wenn auch mit etwas zusammen gekniffenen Zähnen.

Drogen oder Drogen?
Weil ich so Angst hatte vor erneuten Albträumen, hab ich erstmals eine Schlaftablette genommen, Seresta. Naja, ich hab durchgeschlafen, hatte trotzdem Träume aber keine allzu unangenehmen, nennen wir’s mal erträglich. Aber als man mich um Acht weckte, fühlte ich mich wie ein angeschossenes Reh. Das legte sich dann innert einer halben Stunde, aber die Lust an Schlafmitteln ist mir damit vergangen. Mal so ganz unter uns, ich lang mir mal wieder kräftig an den Kopf über die behämmerte Denkweise unserer modernen und völlig denaturisierten Welt. Hätte man mir ein Teechen mit etwas Canabis drin gemacht, hätte ich nicht nur einen fast garantiert traumlosen Schlaf gehabt und wäre nicht nur genauso beruhigt gewesen sondern wär auch ohne dieses Totes-Reh-Gefühl aufgewacht. Irgendwie sind wir schon arg naturentfremdet. Ein Heilmittel, das bei vernünftigem Umgang kaum Nebenwirkungen hat und gut verträglich ist, wird als Droge verteufelt und verboten, aber teurer Chemiemüll mit Nebenwirkungen und Risiken, die sollen dann gut sein. Ich werd bei Gelegenheit mal etwas genauer auf das Thema eingehen, wir haben da echt eine schräge Haltung in so Sachen. Wie auch immer, ich hab die Nacht relativ gut überstanden, das ist die Haupsache.

Der doofe Stent und das Trauma
Mein Stent ist nachwievor störrisch wie ein Muli und nach meinem Erlebnis gestern von der Stent-Wiedereinführung, krieg ich Panikzustände, wenn ich mir vorstelle, dass da wieder jemand in mir drin rumwühlt und rumstöpselt, das hat sich echt zu nem kleinen Trauma entwickelt. Gestern begann der kleine Depp natürlich wieder Richtung Ausgang zu wandern und als es am Abend hiess, der Stent würde dann noch kontrolliert und allenfalls rückplatziert, wurde ich mir mal wieder bewusst: Selbst ist die Frau! Also hab ich das im wahrsten Sinn des Wortes selber in die Hand genommen und es klappte auch tatsächlich besser, wenn ich ihn selber wieder dahin schiebe wo er hingehört. Ich spür schliesslich als Einzige, wenn die Grenze erreicht ist, Andere sehen das erst wenn mir die Augen aus den Höhlen treten. Unterdessen hab ich die offizielle Erlaubnis, dass ich mich selber darum kümmern darf, bin also sozusagen zur Stent-Verantwortlichen befördert worden. Bis morgen muss ich das noch so machen, dann ist der Chirurg endlich wieder da und wir werden sehen, wie es weiter geht, voraussichtlich kann ich dann auch endlich mal wieder aus dem Bett. Und das wär höchste Zeit, denn mein erster Stuhlgang dürfte schon sehr bald kommen und das möcht ich nicht im Bett durchmachen, echt nicht.

Girls Power am Krankenbett
Dass ich nun die Stent-Chefin bin, ist mehr als im richtigen Zeitpunkt gekommen, denn meine Lieblingspflegerin, die sich gerade in dieser Stent-Horrorphase so liebevoll und kompetent um mich gekümmert hat, bekam heute eine ansteckende Augenentzündung und ist nun ein paar Tage weg. Auch wenn alle Pflegerinnen wirklich toll sind, aber nach dem gestrigen Blutbad hier drin will ich niemanden mehr in mich reinlassen, einzig bei ihr hätte ich genug Vertrauen gehabt. So ist es toll, dass ich nun selber an mir rumfummeln kann (nein Bea, ich mein das nicht so, echt nicht *grins*). Ich würd zwar auch bei den anderen Pflegemädels hinhalten, aber ein richtiges gutes Gefühl hätt ich nur bei ihr. Und Jungs lass ich da eh nicht mehr ran, ausser dem Chirurgen. Es ist halt wirklich so, Jungs haben zwar eine bessere räumliche Orientierung, aber die Hirn-Finger-Koordination ist bei Mädels viel feinfühliger. Ist echt wahr! Wünschen wir meiner Lieblingspflegerin also mal alle gute Besserung :-)

Intelligentes Essen und so
Zuguterletzt noch kurz übers Essen. Das ist soweit ganz ok und abwechslungsreich. Es begann mit einem dreistufigen Aufbaufutter und nun bin ich wieder beim Normalfutter angelangt. Zu jedem Essen gibts eine leckere Suppe und einen Nachtisch, am Mittag sogar meist ein kleines Eis. Gestern bekam ich das erste Eis, freute mich total und was war dann drin? Citrone. Wie bekloppt ist das denn? Eis ist eine Süssspeise, Citrone ist sauer, das macht kein Sinn. Citroneneis ist eins der dümmsten Desserts die es gibt. Aber dafür gabs heute ein Vanille-Eis, jauuuuuhhhh. Vanille ist eine der intelligentesten Eissorten, süss, mundig, einfach perfekt. Und weil ich ein schlaues Mädel bin, brauch ich auch schlaues Eis und Vanille ist das definitiv. Vanille ist so süss wie mein Schatzi und mein zu meinem Gaumen wie Schatzis Lippen auf meinen Mund. Aber Citrone, also echt, wie kommt man nur auf sowas ;-) Das ist wie Bier mit WC-Enten Geschmack *schauder*

So muss jetzt mal wieder mit dem Stent ringen und dann hab ich noch was zu erzählen :-) bis denne

Bea iss auch bekloppt

November 21st, 2010

Wie ich ja schon wegen Juliet so oft betonte und kürzlich wegen Sam erwähnte, für eine Irre wie mich ist es total schön, von Irren umgeben zu sein, das gibt einem so ein Gefühl der Normalität ;-) Und grad wenn’s einem nicht gut geht, ist Humor manchmal die beste Medizin, vorallem wenn es ein schräger oder schwarzer Humor ist.

Bea gehört auch zu dieser Spezies, zwar kein transMädel aber trotzdem gaga genug um mit mir mithalten zu können. Einige von Euch dürften ihr Blog “Wüst(e)s Leben“. Wer’s noch nicht kennt, soll da schnell mal hin, vorallem ihr Plüschtier “Marvin” ist sowas von süss und hat so ein irres Eigenleben, dass Juliet und ich ihn schon lang adoptieren wollen, aber die olle Bea rückt ihn nicht raus.

Na jedenfalls gings mir ja gestern nicht gut und Bea wiederum hatte grad mit Abszess und Wurzelbehandlung zu kämpfen und so trafen sich dann halt auf Facebook zwei bekloppte Gebeutelte und halfen sich spontan gegenseitig mit sinnlosem Gebrabbel. Fies wie ich nunmal bin, ruinier ich gern mal auch ihren Ruf komplett und veröffentliche hier einen Teil unseres gestrigen Dialogs. Unser Geschreibsel war ja auch auf Facebook öffentlich, nun soll die ganze Welt es erfahren, muahmuah :-)

  • Diana: der Chirurg sagte, wir dürften den Stent keinesfalls rausnehmen vor Montag, weil das Innere erst dann angewachsen ist. Nun isser selber rausgekommen und ganz rein geht auch nicht mehr und wieder raus will er auch schon wieder, hat was von Nightmare on Elmstreet
  • Bea: Finger rein und festhalten!
  • Diana: ‎*lol* das hat der Arzt schon gemacht und als er beide Finger reinkriegte, war er sichtlich erfreut. Ist mal wieder typisch Jungs, nicht mal den Busen streicheln oder nach dem Vornamen fragen, ne Finger rein, drin rumwühlen und gut ist :-)
  • Bea: Männer sind Schweine!
  • Diana: definitiv…….. obwohl, abgesehn davon….. es war schon auch ein tolles Gefühl, abgesehn vom Schmerz, erstmals was in mir drin zu fühlen, aber ich hätt das lieber meinem Schatzi überlassen, die kennt kennt auch meinen Vornamen ;-)
  • Bea: Ey! Du bist da nicht zum Vergnügen!
  • Diana: ‎*rofl* doofes Weib, ich soll nicht lachen, das tut weh, hör auf mit so Sprüchen ;-) apropos, hast mich grad zur neusten FB-Statusmeldung inspiriert :-)
  • Bea: Hab ich schon gelesen. Wer weiß, wo Du da bist. Nach seriösem Krankenhaus hört sich das aber ganz und gar nicht an.
  • Diana: ich fands schon verdächtig, dass die mir diesen monströsen Porno-Platzhalter reingetan haben, die filmen das sicher alles, Ferkel
  • Bea: Oder das is ein Handwerker-Film in dem erklärt wird, wie man eine ordentliche Dehnungsfuge macht. Pfui!
  • Diana: jaja, lustiges basteln mit Diana, wie geil ist das denn
  • Bea: Mal was anderes: hast Du in den letzten 30 Minuten mindestens einmal gelacht?
  • Diana: ja, wegen Dir, Du machst noch den Rest kaputt, was die hier nicht zerdeppern konnten, ich sag das Marvin,, jawoll
  • Bea: Du hast also gelacht? Na ja, dann kann das alles ja nicht so schlimm sein, wie Du immer tust. Ich ziehe hiermit offiziell mein Mitleid zurück. Das kannst Du eh nicht brauchen. Aber eins muss ich Dir lassen: auf die Idee, mich in die Chirurgie zum (be)fummeln zu legen, wäre ich niemals gekommen. Mir scheint, ich kann noch ´ne Menge lernen von Dir.
  • Diana: hööööör auuuuuuuf *wieher*…………. das tut echt weh, ich kauf Marvin ein rosa Tütü, soviel Strafe muss sein :-)
  • Bea: Nee, das mein ich ernst: erzähl mal schön weiter wie es Dir ergeht. Ich schreib alles mit.
  • Diana: Du schreibst auch alles mit? *staun* :-p
  • Bea: Na sicher. Solch wertvolle Informationen findet man doch nirgends sonst!
  • Diana: das coole ist, egal wie oft man den Stent rauszerrt, die müssen ihn immer wieder reinmachen :-) …. der Arzt, Dein Sexsklave, so nenn ich mein Buch, jauh
  • Bea: gröhl ….
  • Diana: wenn Dir jetzt der Kiefer so weh tut wie mir die tieferen Regionen beim Lachen, dann fühl ich mich echt befreit :-)
  • Bea: Oh … ich war so sehr mit Deinen Schmerzen beschäftigt, dass ich meine glatt vergessen hatte …
  • Diana: das ist eben gelebte Solidarität, wir sind halt nicht so Soziopathen wie Andere :-)
  • Bea: da hassu wohl wahr!
  • Diana: bin eben ein Filoso-Vieh
  • Bea: Im Moment bist Du wohl eher ein Stent-ab-Dings …

Und so in der Art ging es gestern Abend etwa hundert Kommentare lang weiter und ein paar andere Mädels gaben ebenfalls noch etwas zum Besten. Unter Anderem fragte Bea, ob man den Stent nicht mit einem Hosenträger anmachen könne und das Irre ist, heute haben die wirklich sowas ähnliches gebastelt, nur dass es an den Hüften aufhängt, aber das Prinzip ist ähnlich.

Die Tragik an einer solchen Freundschaft ist, dass ich wegen des Gelächters immer wieder ein Gefühl hatte, als ob mir jemand in den Bauch sticht, aber fürs Mentale war es einfach Gold wert – wie so oft. Danke Bea und Marvin, Ihr habt mir in den letzten Monaten sehr viel gegeben mit Eurer Schreiberei und Beas Kommentaren hier……… und ey Bea, heb endlich Marvins Schreibverbot auf, ich brauch dringend mal wieder was zu Lesen von ihm :-)

PS: die Katze auf dem Bild ist von Juliet, die hat sich mit meinem Stent solidarisiert und quetscht sich neuerdings in ein viel zu enges Körbchen….. ich sag’s ja, ich bin von Irren umgeben :-)

Sechster Tag – durch die Finsternis an die pralle Sonne

November 22nd, 2010
Jaaaaahhhhh, ich bin wirklich über den Berg, auf eigenen Beinen stehend, frisch geduscht, komplett entkabelt, frisch verstöpselt und chirurgisch für gut befunden.

Was für ein Geschenk, denn heute Morgen begann alles in tiefster Düsternis und nun scheint in mir die Sonne, dass mir richtig warm wird.

Durch tiefste Finsternis………..
Gestern war schon langsam arg aufreibend, das Gefühl des Gepfähltseins ging langsam arg an die Substanz und die Angst, dass doch irgendwas in mir kaputt ist, hat mich ganz schön aufgerieben. Die Nacht ging so einigermassen, aber um Fünf wachte ich auf und war langsam echt am Limit. Dieses sechs Tage lange Bewegungsunfähigkeit wurde immer mehr zu einem Gefühl als wär ich lebendig begraben und das Gepfähltfühlen zermürbte langsam bis an die Grenzen des Erträglichen. Jedes für sich wäre erträglich gewesen, aber die Summe dieser sechs Tage brachten mich langsam an die Grenzen. Dann träumte ich noch wie öfters in letzter Zeit von meinem Kind, meist mit eher positivem Ausgang. Aber wirklich angenehmer ist das nicht. Ich hab lieber Albträume die nicht gut ausgehen und wache auf in eine bessere Welt als dass ich schürfende Träume mit positivem Ausgang hab und dann aufwache und der Wachzustand albtraumhafter ist. Alles in Allem war ich echt langsam fertig, weinte zwischendurch ohne zu wissen warum eigentlich und fühlte mich einfach total erschöpft. Wenn heute noch vom Chirurgen schlechte News kämen, würd mir echt langsam die Luft ausgehen. Ich hätte die Kriegerin in mir gebraucht, aber wenn man sechs Tage lang verwundet auf dem Schlachtfeld liegt, wirkt wildes Schwertgefuchtel nur noch lächerlich…………..

……. der Sonne entgegen
Und dann begann eine Kaskade des Glücks, wie man es sich kaum vorstellen kann. Man braucht Düsentriebwerke um von so tief so hoch zu fliegen in so kurzer Zeit. Es begann mit der eigentlich wenig erfreulichen Feststellung, dass der Katheter sich wieder gelöst hat und ich im Urin schwamm wie ein totes Entchen, Decke, Bett, ich selbst, alles war patschnass. Aha, also doch nicht geschwitzt, dachte ich scharfsinnig und dann gings los. Die Pflegerin rief den Chirurgen an, erklärte was da abgeht und bat um Aufsteh- und Duscherlaubnis und die bekamen wir. Dann gings Schlag auf Schlag.

Auf eigenen Beinen berauscht unter der Dusche stehen
Ich wurde entkleidet und ausgebettet, durfte selber den Stent laaaaaaangsam rausziehen, was überraschend gut ging und dann konnte erstmals aufstehen. Wow, was für ein Gefühl, nach sechs Tagen wie einbetoniert liegen und dann aufstehen, ungepfählt, Wahnsinn. Und das Flash war auch gleich inbegriffen, gefühlte drei Promille begleiteten mich dann ins Bad, fühlte sich echt nett an, wenn auch mein Catwalk aufgrund der O-Beine eher merkwürdig aussah. Dort setzte ich mich unter der Dusche auf so eine Sitzfläche und konnte duschen und Haare waschen.

Sich zum ersten mal ganz “Ganz sehen”
Teilweise stand ich auch beim Duschen und das Irre war, dass der Badzimmerspiegel gross genug war, dass ich mich von Kopf bis Knie sah. Uiiiiiiiiiiiii, zum ersten Mal stand ich nackt vor mir wie Gott mich hätte schaffen sollen und wie der Chirurg mich dann vollendet hat. Nicht, dass es besonders schön war, bin ja immer noch geschwollen, aber zum ersten Mal im Leben stand ich vor mir und alles an mir war mir entsprechend, diesen Augenblick werd ich nie vergessen, mir laufen grad Tränen runter wenn ich darüber schreibe, soviel Glück kann ein Mensch allein kaum ertragen.

Chirurgisch beglaubigt, gepfählt und entkabelt
Dann gings frisch geputzt zurück aufs Bett und der Chirurg kam, beguckte alles, befand alles für ok und tat wieder, was Jungs nunmal tun wenn n’nacktes Mädel vor ihnen liegt. Aber er zeigte ein überraschendes Einfühlungsvermögen, er pausierte alle 2cm wieder und wartete bis ich ihm sagte er soll weiter vordringen (ich red vom Stent, nur damit das klar ist). Schon bald war er (der Stent) ganz drin, bis auf die obligaten rausguckenden 2cm und dann kam wieder diese Pfadfinder-Vorrichtung drüber, die ausschaut wie ein Gemisch aus einem Tanga und einem Strapshalter. Und weils so lustig ist, wurde ich auch noch entkabelt, d.h. die Infusion kam weg und der Beutel am Katheter wurde entfernt. Nun hab ich am Katheter einen Kippschalter mit dem ich auf und zu machen kann, ich darf also fortan selber aufs Klo.

Glücklich liegend und vor dem Essen sitzend
Am Schluss lag ich da, frisch, ohne übertriebenen Innendruck, beruhigt, vergnügt, lebendig, ja, so muss das Leben sein. Dann begann ich diesen Blogbeitrag und etwa in der Hälfte begann die Fütterung, heute erstmals als normale Vollkost, und zu meiner Überraschung wurde ich zu Tisch gebeten. Ich bekam so einen lustigen Sitzring und schaffte es tatsächlich, das ganze Essen sitzend einzunehmen. Naja in etwas kurioser Haltung, fast so primatenhaft wie mein aktueller Catwalk, aber es ging. Und weils Vollkost ist, bekam ich endlich mal wieder einen Salat dazu, mit Balsamico, ach wie ich das liebe :-) Nun lieg ich wieder im Bett und es geht mir besser denn je. Die Angst wegen dem Stent-Zwischenfall ist überwunden, der Innendruck erträglich, ich fühl mich nicht mehr so zugeferkelt dank der Dusche und vorallem bin ich endlich frei. Wenn das Liegen mal wieder zuviel wird, kann ich immerhin mal kurz aufstehen, darf ich sogar alleine tun. Ich denke, ich sollte heute mal an der Bahnhofstrasse shoppen gehn ;-)

Nun ist es wirklich vollbracht
Ich habe den Eindruck, dass es am Anfang vorallem so gut lief, weil ich aufgrund der Freude einfach innerlich schwebend war und alles Unangenehme nicht richtig wahr nahm, weil ich einfach zu glücklich war darüber, dass ich es endlich geschafft hab. Heute scheint es mir, habe ich die Talsohle überschritten, egal ob Risiken oder Strapazen, ich hab das Schlimmste durch, vor mir breitet sich bei hellem Sonnenschein mein Leben aus und ich fühl mich langsam wie ein Fohlen, das zum ersten Mal die Weide betritt.

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