Ein Räuschchen am Morgen, vertreibt Kummer und Sorgen
Aufgrund eines kleineren Irrtums habe ich heute morgen zwei Schmerzmittel-Rationen zusammen genommen und nun hab ich erstmals wirklich ein kleines Flash. Fühlt sich toll an, so ein sanftes Schweben, das in Kombination mit klassischer Musik einen herrlichen Tagesbeginn einleutete. Aber mal alles der Reihe nach………
Gestern
Der gestrige Tag verlief weiterhin super, mein Papa kam wieder zu Besuch und wir plauderten lange zusammen und auch gefüttert werde ich unterdessen wie ein normaler Mensch, alles pegelt sich immer mehr ein. Beim rumzappen durch die TV-Programme strahlte mich plötzlich Balian Buschbaum an auf ZDF, er nahm an einer Diskussionssendung teil und überzeugte wie immer mit einer unglaublichen Authentizität. Leider hab ich den Anfang verpasst und der Schluss entging mir auch weil sich hier grad ein kleiner medizinischer Ausnahmezustand Platz machte.
Der flüchtende Platzhalter
Bei einer Routinekontrolle stellten wir fest, dass der Platzhalter (Stent) der seit der Op in der Vagina sitzt und alles schön offen halten soll, irgendwie Fluchttendenzen zeigte, der guckte nämlich plötzlich etwa 2cm raus. Da der Chirurg dann schon nicht mehr da war, war niemandem wirklich klar, ob das nun schlimm ist oder nicht. Sicherheitshalber versuchte dann die Nachtschwester (oder Ärztin), das Ding wieder etwas reinzuwürgen. Boah, das war wieder eine neue Grenzerfahrung der bizarren Art. Es bewirkte einen sehr unangenehmen Druck, dass ich mich fühlte als würd ich gepfählt.
Restrukturierung der Hirn-Nerv-Kommunikation
Bei dieser Gelegenheit staunte ich wieder Bauklötze, mit welcher Flexibilität das Hirn die neue Realität wahrnimmt und sich darauf einstellt. Aus Sicht der Nervenstränge ist die Vagina ja eigentlich eine nach innen gekehrte Penishaut. Aber als der Stent tiefer reingedrückt wurde, kamen die Gefühle im Hirn in völlig neuer Weise an, es fühlte sich absolut nicht nach einem Penisreiz an sondern war klar als innen fühlbar. Das ist mir in den letzten Tagen öfters aufgefallen, dass beispielsweise die Schamlippen sich überhaupt nicht wie die Haut eines Hodensackes anfühlen sondern jedes Gefühl in diesem Bereich in meinem Hirn klar als Reiz an den Schamlippen ankommt. Dasselbe ist auch mit der Klitoris und dem Ausgang der Harnröhre. Das ist echt verrückt, fast alle Gefühle werden vom Hirn neu übersetzt und so klassifiziert, wie es sein muss.
Gepfählt schlafen kommt nicht gut
Nachdem ich trotz des unangenehmen Drucks einschlafen konnte, wachte ich um Zwei wieder auf und fühlte mich definitiv wie gepfählt. Der unangenehme Druck war zu richtigem Schmerz geworden und zusätzlich bekam ich auch noch Blähungen, was zu einer üblen Kombination wurde. Also unterbrach ich erneute Einschlafversuche und bestellte stattdessen ein zusätzliches Schmerzmittel und einen Fencheltee gegen die Blähungen und schaute etwas TV. Die Medis taten dann das Ihre und der Fenchel das Seine, schlussendlich schlief ich dann mit Kopfhörer auf dem Kopf ein und wachte erst um Sechs wieder auf und alles war wieder gut.
Ein Tagesbeginn im Schwebezustand
Als ich um Sechs wach war, kam kurz darauf eine Schwester rein und bemerkte, dass ich noch eine Tablette hatte, die ich um Zwei hätte nehmen sollen. Artig wie ich bin, hab ich die dann gleich genommen und lag vor mich hinträumend bei klassischer Musik auf dem Bett und genoss den guten Zustand und die Schmerzlosigkeit. Etwas später sah ich, dass ja die Schmerzmittel (2 x Novalgin) fällig waren und nahm die zu mir……. Höhö, die Musik wurde dann immer schöner, ich immer relaxter, mit der Zeit lag ich nur noch glücklich lächelnd im Bett und fühlte mich als würd ich schweben. Wie sich später rausstellte, war die Tablette für um Zwei, nicht einfach eine wasweissich-Pille sondern ein Ponstan. Jauh, so muss der Tag beginnen, ein Ponstan und zwei Novalgin plus die Resten des nächtlichen Tramal und man wird von Engeln getragen, es war echt schön. Wenn die mir dazu noch einen Irish Coffee gegeben hätte, wär ich wohl ganz abgehoben
Und als ich nach dem Frühstück einen weiteren Zeugsabsaugschlauch entfernt bekam und den Stent nochmal tieferlegen musste, war ich echt froh, dass ich genug Medis drin hatte für diesen Spass.
Hirntraining durch Realitätskontrolle
Wie oben erwähnt, registriert das Hirn zu meiner grossen Überraschung fast die gesamte veränderte Anatomie in einer Selbstverständlichkeit korrekt. Das ist nicht selbstverständlich, es gibt genug Betroffene, die beispielsweise einen sogenannten Phantom-Penis haben, also nachwievor ein aussenliegendes Geschlechtsteil empfinden. Bei mir scheint das bisher überraschend gut zu funktionieren, aber auch nicht immer und überall. Heute am frühen Morgen hatte ich ein ganz tolles Erlebnis, bei dem ich mit totalem Erstaunen erleben durfte, wie lernfähig das Hirn doch sein kann, wenn man es auf Irrtümer hinweist. Als ich so da lag, hatte ich plötzlich ein Kitzelgefühl, das sich anfühlte als sei es ausserhalb des Körpers auf der Penishaut, etwa in der Mitte des Dings das nun nicht mehr dort ist. Da ich psychische Vorgänge gut genug kenne und in Sachen Realitätskontrolle eine wahre Expertin bin, kam ich auf eine kreative Idee. Ich hob die Bettdecke, hob den Verband an und schaute dahin, wo das Kitzeln angeblich sein sollte gemäss Information der Nervenstränge. Und ich konnte sehen, dass da nix war. Was dann kam, war echt genial. Innert weniger Sekunden verschob sich die Wahrnehmung und es begann in mir drin zu kitzeln. Es war, als ob ich dem Hirn gesagt hätte, ey Doofie, schau hin, da iss nix, das ist jetzt da drin. Und schwubst und das Hirn hatte es kapiert. Als ich mich wieder zudeckte, kam das Kitzelgefühl noch ein paar mal, es war fortan immer innen fühlbar. Wahnsinn, sowas
Aber das bestätigt auch die mahnenden Worte von Freundinnen, dass ich mich selber neu entdecken müsste und mir sehr viel Zeit nehmen muss für mich selbst.
Stilgerechter Spitalaufenthalt
Der Schriftsteller Philipp K. Dick sagte mal: “Natürlich ist es keine angenehme Sache festzustellen, dass die Leute, die mit einem übereinstimmen, vollkommen wahnsinnig sind.”. Auf jeden Fall hat er damit Recht, dass alle komplett irre sind, die mit mir übereinstimmen, aber ich find das eigentlich angenehm, insofern muss ich ihm widersprechen
Vor der Op habe ich auf Facebook rumgeblödelt und gesagt, n’Mädel wie ich müsste ja eigentlich schon rote Pumps haben für ins Spitalbett und hab gejammert, dass ich gar keine roten Pumps hätte. Offenbar sind meine Freunde noch bekloppter als ich selbst, denn mein lieber Freund Sam konnte es sich nicht verkneifen und bestellte mir tatsächlich welche in den Spital. Heute kamen sie an und ich wär fast aus dem Bett gefallen vor lauter Überraschung und gegrinst hab ich als hätt ich noch eine Ladung Medis genommen. Und weil ich eben genauso verrückt bin wie er, hab ich die natürlich gleich mal über die hübschen Thrombosesocken angezogen, sieht doch unglaublich elegant aus
Also echt, Sam, Du bist ein Goldschatz – und Du bist sowas von bekloppt – fass beides als Kompliment auf
Einladung zum Besuch
Und da ich jetzt endlich anständige Schuhe hab und es mir auch sonst prächtig geht, darf man mich nun offiziell besuchen. Wer mich besuchen möchte, geht an die Rämistrasse 100 (bei der Tramhaltstelle ETH/Universitätsspital), läuft dort in die Wiederherstellungschirurgie im Ost-Trakt (eine Umleitung dahin ist ausgeschildert), dann in den dritten Stock und dort ins Zimmer C47. Am besten zieht man Wanderschuhe an, weils ein riesen Labyrinth und langer Weg ist und sicherheitshalber würde ich auch Getränke und Proviant für drei Tage mitnehmen, man kann sich da prächtig verlaufen (gäll Paps), weil die Zimmernummerierungen völlig logikfremd sind. Das ist sozusagen das Death Valley von Zürich